Essstörungen
Die Essstörungen verdienen entsprechend der Häufigkeit ihres Auftretens und ihrem Gewicht in der Psychosomatischen Medizin besondere Aufmerksamkeit.
Als Magersucht bezeichnet man eine beinahe ausschließlich bei Mädchen in der Pubertätszeit auftretende Entwicklung, die auf den Wunsch an Gewicht abzunehmen, schlank zu werden und dies zu bleiben, zurückgeht. Im oft chronischen Verlauf besteht eine umschriebene Angst, normal zu essen, an Gewicht zuzunehmen und durchschnittliche Körperformen und ein gesundheitlich vertretbares Körpergewicht zu erreichen. Körperliche, etwa hormonale Erkrankungen sind nicht zu finden. Die Störung steht vor dem Hintergrund adoleszenter Entwicklungskonflikte, ohne dass ein Konfliktbewußtsein und eine realistische Einstellung gegenüber dem eigenen körperlichen Zustand gegeben ist.
Symptomatik:
Es kommt zu einer deutlichen Gewichtsabnahme, die mindestens 25%, vereinzelt über 50% des Sollgewichts im Hinblick auf Alter und Körpergröße ausmacht. Es liegt auf jeden Fall durchschnittlich unter 45 kg, bewegt sich meistens aber zwischen 30 und 40 kg, nähert sich in Extremfällen 25 kg. Die unter der überwertigen Idee, zu dick zu sein, bewußt intendierte Gewichtsabnahme wird auf drei verschiedenen Wegen erreicht.
Im Verhalten und Erleben charakteristisch ist zunächst eine motorische und intellektuelle Überaktivität. Sie ist ganz untypisch für unterernährte Menschen, die eher träge und passiv, emotional abgeflacht sind. Magersüchtige machen Spaziergänge, treiben Sport, sind ständig für andere unterwegs, müssen angeblich arbeiten, für die Schule lernen, studieren oder stricken. Bei einem großen Teil der Mädchen findet sich eine leichter oder schwerer Stuhlverhalt.
Sehr charakteristisch für das Krankheitsbild ist das fehlende seelische und körperliche Krankheitsbewußtsein, es werden keinerlei Konflikte geklagt. Schlanksein, abzunehmen und dünn zu bleiben, stehen im Mittel des eigenen Bewußtseins. Die Nahrungsaufnahme zu kontrollieren, abzunehmen und schlanker zu sein als andere, weniger zu wiegen, wird mit Befriedigung, ja als Triumph erlebt.
Kommt es zu Durchbrüchen des im Laufe der Krankheit immer weiter verdrängten Hungergefühls, etwa mit nächtlichem heimlichem Essen aus der Speisekammer oder dem Eisschrank, so wird dies als Niederlage erlebt, nach Möglichkeit geheim gehalten, durch Erbrechen oder Abführmittel wieder ausgeglichen.
Bulimie
Als Bulimie bezeichnet man eine
psychosomatisches Erkrankung mit wiederholt auftretenden Zuständen von Heißhunger, in
denen große Mengen von Nahrung verschlungen werden. Aus Furcht vor Gewichtszunahme wird
meist unmittelbar anschließend willkürlich Erbrechen provoziert und versucht, durch
Verringerung der Nahrungsaufnahme, Fasten, Abführmittel und exzessive sportliche
Betätigung dieses herbeizuführen. Betroffen sind ganz überwiegend Mädchen und Frauen
zwischen 15 und 30 Jahren.
Symptomatik:
Zur Bulimie Szene gehört das übermäßige und meist hastige Verschlingen von großen
Mengen hochkalorischer, d. h. sättigender Nahrungsmittel wie Schokolade, Butter, Wurst,
Teigwaren, Quark usw. Der durchschnittliche Kalorienverzehr pro Mahlzeit liegt zwischen
3000 und 4000 Kalorien, manchmal über 10 000. Der Essvorgang ist so gierig, dass
vereinzelt Schäden durch abgebogene und abgewetzte Zähne beobachtet wurden. Ebenso
vehement und elementar läuft die anschließende Szene des Erbrechens bei der Mehrzahl der
betroffenen Frauen ab, meist mit größter Leichtigkeit, vereinzelt aber durch
Manipulation mit Instrumenten im Hals gefördert.
Charakteristisch ist, dass die bulimische Szene in aller Heimlichkeit abläuft, sowohl der Essvorgang wie auch das anschließende Erbrechen setzen Alleinsein voraus. Im Laufe einer bulimischen Krankheitsphase können die Esshandlungen und deren Vorbereitung immer mehr Gedanken in Anspruch nehmen und den Tag ausfüllen, gegenüber dem alle anderen Inhalte zurücktreten. Die bulimische Szene kann dann von alltäglichen Enttäuschungen in Gang gebracht werden.
Binge Eating Disorder
Patienten mit Binge Eating Disorder (BED) leiden unter Fress- Attacken. Im Gegensatz zur Bulimie erzwingen sie
jedoch anschließend kein Erbrechen.
"To
binge" bedeutet sich vollstopfen, gierig essen. Das Binge- Eating entspricht der Bulimie, jedoch
ohne Erbrechen oder andere gewichtsreduzierende Manipulationen wie Laxanzien-
Missbrauch. Die
anfallsartig auftretende
Essgier macht die BED zu einer Extremform der Nahrungsaufnahme.
Da Betroffene die extreme Kalorienzufuhr nicht
kompensieren, tragen sie ein hohes Risiko, sich massives Übergewicht
anzufuttern.
Die
BED ist mit psychischen Störungen wie Depressionen und Angst- sowie
Persönlichkeits- Störungen
verbunden.
Betroffene entwickeln zudem häufig eine gestörte Körperwahrnehmung.
Ess-süchtigen
Frauen dient die exzessive Nahrungsaufnahme dazu, verdrängte und unerwünschte
Bedürfnisse "wegzuessen", um sie nicht mehr zu spüren. Nicht
immer lässt sich die BED eindeutig gegenüber der Bulimie abgrenzen.
Das Binge- Essverhalten weist oft eine Suchtkomponente auf.
Das macht es Betroffenen so schwer, her- kömmliche Gewichts-
Reduktionsprogramme erfolgreich durchzuführen. Der
erste Schritt in der Behandlung essgestörter Patienten besteht darin, sie zur
Behandlung zu motivieren und
verhaltenstherapeutische Strategien
zu erarbeiten. Dabei ist ambulante Behandlung, wenn möglich, immer der
stationären vorzuziehen.
Symptomatik:
Binge Eating Disorder (BED) ist durch wiederholte
Episoden von Fress- Anfällen" gekennzeichnet,
die gemeinsam mit mindestens drei der folgenden Symptome auftreten:
1. Die Betroffenen essen wesentlich schneller als normal.
2. Sie essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl.
3. Es kommt zur Aufnahme großer Nahrungsmengen trotz fehlenden Hungergefühls.
4. Betroffene essen aus Scham über ihre Gier lieber
alleine.
5. Nach
den Fress- Anfällen ekeln sie sich oft vor sich selbst, fühlen sich schuldig
und deprimiert.
6. Es besteht erheblicher Leidensdruck.
Im
Verlauf von sechs Monaten kommt es durchschnittlich an mindestens zwei Tagen in
der Woche zu Fress- Anfällen. Die
Attacken gehen nicht regelmäßig mit unangemessenen kompensatorischen
Verhaltensweisen einher und sie treten nicht
ausschließlich im Verlauf einer Anorexia nervosa (Magersucht) oder Bulimia
nervosa (Ess-/Brechsucht) auf.
Anders als bei Bulimie oder Anorexie nehmen Frauen mit
Binge- Essstörung
nicht ab, sondern kontinuierlich zu.
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